Montag, 6. März 2006 Cadillac BLS: Genmanipulation
Cadillac BLS
Der Cadillac ist ein amerikanischer Superschlitten mit grossen Heckflossen, meist in Pink, mit dem Elvis Presley einst nach Graceland fuhr. In alten Krimis sieht man ihn manchmal auch in Schwarz. Aber in jedem Fall ist er riesig, übermotorisiert, Sprit fressend, weich gefedert, unhandlich und bewegt sich wie ein Schiff in rauer See. So weit das Urteil, mit dem man im alten Europa der Mutter aller Strassenkreuzer begegnete. Dennoch will die General Motors-Tochter Cadillac in diesem Jahr noch 6000 bis 7000 Cadillacs in Europa absetzen. Der Cadillac BLS soll den Durchbruch einleiten.
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Die Amerikaner wollen sich immerhin mit niemandem Geringerem als dem Audi A4 anlegen und das zu Preisen, die fünf bis zehn Prozent unter denen der Ingolstädter liegen. Dabei soll das Cadillac-Design einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg bringen. Mit diesem so ganz und gar dem Zeitgeist abschwörenden Auftritt will Cadillac die beiden Jahrzehnte vergessen lassen, in denen sich selbst die Amerikaner von Gods own Luxury Car abwandten. Deswegen wählte man ein Vorbild aus der modernen Militärluftfahrt, den Stealthbomber B117. Dennoch, der Cadillac BLS reizt nicht zum Rasen. Er könnte zwar, denn er hat viele Gene der europäischen General-Motors-Tochter Saab geerbt, aber seine Stärke ist eher das Reisen mit hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten als ein wilder Ritt über Passstrassen. Rund um Nizza haben wir zwei Motor-Getriebe-Kombinationen erlebt: den Sechszylinder-Benziner mit 2,8 Liter Hubraum mit 255 PS und einem Sechsgang-Automaten sowie den Vierzylinder-Diesel mit einem Sechsgang-Handschalter mit 150 PS. Der Benziner hat ein maximales Drehmoment von 365 Nm in einem aussergewöhnlich breiten Drehzahlband von 1800 bis 4500 U/min. Die Fahrleistungen fallen mit beiden Motoren gemessen besser aus als gefühlt. So erreicht der Benziner mehr als 240 km/h, benimmt sich dabei gesittet. Das passt zum Cadillac-Anspruch neuer Prägung. Das Fahrwerk ist unerwartet straff ausgelegt, hier schlagen die Saab-Gene durch. Kommen wir zum Kerngeschäft der Marke Cadillac, dem Thema Luxus. Raum ist der wahre Luxus. Den allerdings gibt es im B-Segment natürlich nicht im Überfluss. Hier gelingt Cadillac auch mit Hilfe von Saab nichts Besseres - bei knapp 4,70 Meter Länge und einem Radstand von knapp 2,70 Meter - als Audi. Also kann der Eindruck von Luxus nur über Design und Materialien entstehen. Die geschwungene Armaturentafel mit runden Zentralinstrumenten und die betonte Mittelkonsole erinnern ebenso an den aktuellen Saab wie das dreispeichige Lederlenkrad. Daran kann auch die analoge Cadillac-Uhr wenig ändern. Voll zur Geltung kommt der Bereich bei Dunkelheit. Design und geschickte Beleuchtung entfalten dann ein besonders Flair von moderner Eleganz. Alles ist gut verarbeitet, auch der Kunststoff. In dieser Hinsicht gibt es am neuen Cadillac ebenso wenig auszusetzen wie an der Serienausstattung mit Front- und Seitenairbags, Klimaanlage, Tempomat, 16-Zoll-Aluräder, Bordcomputer und ein Audio-System mit sieben Lautsprechern. Die Preisspanne für die Versionen mit dem Zwei-Liter-Benziner, dem 2,8-Liter-Sechszylinder und dem 1,9-Liter-Diesel sowie den Ausstattungslinien Business, Elegance und Sport Luxury reicht laut Auto-Reporter von knapp 30'000 Euro bis zu mehr als 42'000 Euro, wobei der Weg in Richtung 50'000 Euro über die Zubehörliste offen steht. Über den Erfolg des BLS wird aber nicht so sehr der Preis entscheiden. Cadillac muss es gelingen, im alten Europa die hier nahezu unglaubliche Erkenntnis zu verbreiten, dass Cadillac die alten Highway-Schiffe längst hinter sich gelassen hat.
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